Das GNAOUA FESTIVAL BERLIN zelebriert die legendäre tranceartige Musik der Gnaoua, den Nachfahren von Westafrikaner*innen, die ab dem 11. Jahrhundert aus der Region um die heutigen Staaten Mauretanien, Senegal, Niger und Mali verschleppt und im Maghreb versklavt wurden. In der nordafrikanischen Diaspora nutzten sie unterschiedliche sakrale Musiken Westafrikas als Widerstandspraxis und kreolisierten sie mit Sufitraditionen und Musikstilen der Araber, Juden und Amazighs.
Mit ihrer rhythmusbetonten Musik erneuerten sie nicht nur den Sound Marokkos, Algeriens und Tunesiens, sondern übten auch großen Einfluss auf die internationale Entwicklung des Jazz aus:
Ab den 1960er Jahren interessierten sich renommierte US-Jazzmusiker wie Randy Weston, Archie Shepp oder Joe Zawinul für die Trance-Musik der Gnaouas und traten zusammen mit großen Mâalems (Gnaoua-Meistern) auf – und auch Rockstars wie Jimi Hendrix, Led Zepplin oder Carlos Santana ließen sich von Gnaoua-Musik inspirieren.
Zum Gnaoua- und Weltmusik-Festival in Essaouira (Marokko) strömen jedes Jahr 450.000 Besucher aus der ganzen Welt. Auch internationale Stars des Jazz wie Pat Metheney, Dave Holland oder Marcus Miller und Größen der Weltmusik wie Oumou Sangaré, Ali Farka Touré, Youssou N´dour pilgern jährlich in den Nordwesten des Kontinents, um mit den Gnaouas gemeinsam aufzutreten.
Auch beim GNAOUA FESTIVAL BERLIN stehen musikalische Begegnungen auf dem Programm.

Historischer Hintergrund
Die in den Maghreb verschleppten West-Afrikaner*innen fusionierten und synkretisierten ihre Musikstile, Sprachen und Religionen mit verschiedenen Kulturen Nordafrikas. Auch führten sie Instrumente ein, die bis heute den Klang des Gnaoua prägen: z.B. die Guembri, eine mit Ziegenfell bespannte Basslaute mit drei Saiten, mit der der Mâalem (Gnaoua-Meister) seine Gesänge anstimmt oder die metallenen Qraqebs, Vorgänger der Flamenco-Kastagnetten, die den polyrhythmischen Groove des Gnaoua erzeugen. In der Diaspora kombinierten die Gnaouas die pentatonischen Melodien, Call-and-Response-Gesänge und komplexen Rhythmen West-Afrikas mit den lokalen Musiktraditionen der Araber, Juden und Amazighs. Obwohl die Gnaouas im Maghreb als Subkultur verfemt waren und deswegen lange am Rand der Gesellschaft standen, ist ihr Einfluss auf die Musik Nordafrikas immens: So werden z.B. die 1970er-Kultbands Nass el Ghiwane und Jil Jilala (die „Rolling Stones Marokkos“), die Gnaoua mit anderen populären Stilen und sozialkritischen Texten kombinierten, noch heute im ganzen Maghreb geradezu mythisch verehrt.
Gnaoua, Trance & Therapie
Neben der Musik fasziniert auch der therapeutische Hintergrund der Gnaoua-Kultur: Seit jeher nutzen die Gnaouas die hypnotische Wirkung ihrer Musik für Heilungszeremonien, die an den haitianischen Vodoun, den brasilianischen Candomblé oder den kubanischen Lucumi erinnern, die ebenfalls westafrikanischer Herkunft sind. Lilas, nächtliche Rituale, die oft erst im Morgengrauen enden, werden für Leiden aller Art abgehalten. Mit Musik und Tanz werden unterschiedliche Geisterkräfte (Mlouks) geweckt. Ziel ist es, den „Patienten“ in Trance zu versetzen, damit er mit den heilenden Geistwesen in Verbindung treten kann.